Es war ein ganz normaler Dienstagabend.
Ich saß am Schreibtisch, Macbook auf, drei Tabs offen, irgendwas im Hintergrund laufend, das ich nicht wirklich gehört habe. Der übliche Abend. Der übliche Lärm.
Und dann: nichts.
Kein Summen mehr. Kein Bildschirmlicht. Die Kühlschrankgeräusche, die man normalerweise nicht wahrnimmt, weil sie einfach immer da sind – weg. Die Straßenlaterne draußen – aus. Alles auf einmal, ohne Vorwarnung, ohne Erklärung.
Stromausfall.
Ich saß im Dunkeln und dachte, ganz automatisch: Was mache ich jetzt?
Und ich konnte nicht umhin, mich zu fragen: Ist das nicht exakt das Gefühl, das Liebeskummer als Mann hinterlässt?
Der erste Moment
Liebeskummer trifft Männer oft genau so.
Nicht unbedingt sofort. Manchmal erst Tage später, wenn der erste Schock sich gelegt hat und man merkt: Das hier ist jetzt wirklich vorbei. Das Gewohnte ist weg. Die Struktur, die Routine, die Person, die einfach immer irgendwie da war.
Und plötzlich sitzt man im Dunkeln.
Handy raus, erstmal. Was tun. Wie lange dauert das. Kann man das irgendwie beschleunigen. Gibt es einen Knopf, den man drücken kann.
Den gibt es nicht. Weder beim Stromausfall noch beim Liebeskummer.
Man sitzt da. Man wartet. Man versucht sich zu erinnern wo man die Kerzen hingestellt hat.
Das Telefon, das man nicht in die Hand nimmt
Mein erster Impuls war, jemanden anzurufen.
Nicht wegen des Stroms. Wegen der Stille danach.
Ich habe das Handy in die Hand genommen, durch die Kontakte gescrollt, bin zweimal an demselben Namen vorbeigegangen und habe es dann wieder aufs Sofa geworfen. Was hätte ich auch sagen sollen. „Hey, mein Strom ist weg und meine Beziehung auch, und ich finde gerade beides ein bisschen anstrengend."
Männer rufen in solchen Momenten selten an. Man läuft gegen Möbel. Man findet nichts. Man wundert sich, warum alles so schwer ist. Und sagt am nächsten Morgen auf die Frage, wie es einem geht: „Passt schon."
Liebeskummer, der nicht verarbeitet wird, ist wie ein Stromausfall, bei dem man so tut, als wäre das Licht noch an.
Irgendwann muss man zugeben: es ist dunkel.
Und dann die Kerzen suchen.
Kerzen, Lichterkette, Macbook-Akku
Irgendwann steht man auf.
Nicht weil man einen Plan hat. Sondern weil Sitzen im Dunkeln auf Dauer auch keine Lösung ist.
Ich habe Kerzen gesucht. Einen Moment gebraucht, um sie zu finden, weil man sowas ja nie braucht. Dann die batteriebetriebene Lichterkette ausgegraben, die irgendwo hinten im Schrank lag seit dem letzten Umzug. Macbook-Akku gecheckt: noch 71 Prozent. Gut.
Langsam entstand so etwas wie Ordnung. Eine neue, improvisiertere Ordnung als vorher. Aber Ordnung.
Liebeskummer als Mann durchlaufen heißt irgendwann genau das: aufstehen und die Kerzen suchen. Einen neuen Rhythmus finden. Herausfinden, was noch funktioniert, auch wenn das große Licht gerade aus ist.
Das ist keine Heldengeschichte. Das ist kein dramatischer Wendepunkt. Das ist einfach der Moment, wo man aufhört, auf den Lichtschalter zu starren, und anfängt, sich anders zu behelfen.
Der Twist, den ich nicht erwartet hatte
Gerade als ich alles arrangiert hatte, Kerzen aufgestellt, Lichterkette an, Kaffee auf dem Gasherd gemacht, weil der Elektroherd ja auch nicht ging, passierte etwas Unerwartetes.
Es wurde schön.
Nicht trotz des Stromausfalls. Wegen ihm.
Die Wohnung sah anders aus im Kerzenlicht. Weicher. Die Ecken, die man sonst immer sieht, verschwanden im Halbdunkel. Die Stille, die vorher beängstigend war, fühlte sich jetzt nach etwas an, das man vielleicht öfter hätte zulassen sollen.
Man entdeckt Dinge, die man im normalen Alltagslicht nie gesehen hat. Wie man wirklich ist, wenn niemand zuschaut. Was einem wirklich wichtig ist, wenn man keine Rücksicht nehmen muss. Welche Freundschaften auch im Kerzenlicht noch gut aussehen. Welche Teile des eigenen Lebens eigentlich ganz in Ordnung sind, auch ohne sie.
Und dann ging das Licht wieder an.
Ich saß da, schaute auf die Deckenlampe, schaute auf meine Kerzen, und traf eine Entscheidung, die mich selbst ein bisschen überraschte:
Ich ließ es noch eine Weile so.
Das Licht kommt wieder an
Es kommt immer wieder an.
Das ist keine Floskel. Das ist Physik. Stromausfälle enden. Liebeskummer auch.
Und wenn das Licht wieder angeht, steht man vor einer Entscheidung.
Alles sofort wieder einschalten wie vorher? Zurück zur gewohnten Helligkeit, zur gewohnten Lautstärke, zur gewohnten Betäubung durch den normalen Alltagslärm?
Oder kurz innehalten. Die Kerzen noch brennen lassen. Das mitnehmen, was man im Dunkeln über sich selbst gelernt hat.
Das Licht in meiner Wohnung brannte noch eine Weile im Hintergrund, als die Lichterkette schon längst wieder eingesteckt war. Nicht weil ich den Strom nicht wollte. Sondern weil ich beides haben wollte.
Das große Licht. Und die Kerzen.
Manchmal braucht man einen Stromausfall, um zu verstehen, was man die ganze Zeit schon hatte.