Es war ein ganz normaler Dienstagmorgen. Kaffee, Balkon, keine großen Pläne. Die Sonne hatte sich noch nicht entschieden, ob sie heute wirklich mitmachen wollte.

Und dann sah ich ihn.

Der Welpe des Nachbarn. Klein, flauschig, mit Ohren die noch nicht ganz zu seinem Körper passen. Er stand am Zaun – nicht zum ersten Mal, wie ich inzwischen weiß – und versuchte mit einer Entschlossenheit, die man eigentlich nur bewundern kann, auf meine Seite zu kommen.

Anlauf. Sprung. Gescheitert. Kurze Pause. Anlauf. Sprung. Gescheitert.

Als ich dem kleinen Kerl so dabei zuschaute wie er es unermüdlich versuchte, dachte ich: Ich weiß genau wie es dir geht, Kumpel.

Und ich konnte nicht umhin, mich zu fragen: Wie kommt man über eine Ex hinweg – und was kann ein Welpe, der nicht aufgibt, uns darüber beibringen?


Der Zaun und wir

Jeder, der schon mal eine Trennung durchgemacht hat, kennt den Zaun.

Er hat viele Formen. Die letzte Nachricht, die man nicht schickt. Das Instagram-Profil, das man nicht besuchen will – und dann doch besucht. Die alte Playlist, die man eigentlich gelöscht hat. Das Café, an dem man bewusst vorbeiläuft, obwohl es ein Umweg ist.

Der Zaun ist alles, was zwischen dir und ihr steht. Zwischen dir und der Vergangenheit. Zwischen dem, was war, und dem, was jetzt ist.

Und genau wie der kleine Welpe stehen wir davor. Manchmal täglich. Manchmal stündlich. Wir schauen rüber. Wir fragen uns, was da drüben ist. Wir nehmen Anlauf.

Anlauf. Sprung. Gescheitert. Kurze Pause. Nochmal.


Warum wir nicht aufhören zu springen

Die einfache Antwort wäre: Weil wir es nicht lassen können. Weil Liebeskummer uns irrational macht. Weil das Gehirn nach einer Trennung in einer Endlosschleife feststeckt.

Alles wahr. Aber es greift zu kurz.

Der Welpe springt nicht, weil er dumm ist. Er springt nicht, weil er masochistisch veranlagt ist oder weil er Niederlagen liebt.

Er springt, weil er etwas gesehen hat. Etwas, das ihm einen Moment lang so bedeutsam vorkam, dass es das Springen wert schien.

Und so ist es auch bei uns. Wir springen, weil diese Beziehung real war. Weil die Verbindung, die wir hatten, echte Gefühle hinterlassen hat. Weil man sich nicht einfach abgewöhnt zu fühlen, nur weil jemand gegangen ist.

Die Frage ist nur: Was hat der Welpe auf der anderen Seite des Zauns gesehen – und was sehen wir gerade nicht auf unserer?


Der Twist, den ich auf dem Balkon nicht erwartet hatte

Ich trank meinen Kaffee und schaute weiter zu.

Anlauf. Sprung. Gescheitert.

Und dann passierte etwas Interessantes. Der Welpe hörte kurz auf. Nicht weil er aufgegeben hatte. Sondern weil irgendetwas seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Ein Geräusch. Ein Geruch. Irgendwas auf seiner Seite des Zauns.

Er drehte sich um. Schnupperte. Lief ein paar Schritte in die andere Richtung.

Und vergaß für einen Moment komplett, dass der Zaun existiert.

Ich stellte meinen Kaffee ab.

Denn da war es. Der eigentliche Gedanke, der sich den ganzen Morgen schon anbahnte und jetzt plötzlich so klar war, dass ich fast lachen musste:

Vielleicht ist die Frage nicht, wie ich aufhöre zu springen. Vielleicht ist die Frage, was auf meiner Seite des Zauns auf mich wartet – und warum ich es noch nicht gesehen habe.


Was auf deiner Seite des Zauns wartet

Nach einer Trennung verengt sich der Blick. Das ist normal. Das ist menschlich. Das Gehirn konzentriert sich auf den Verlust, auf das, was weg ist, auf den Zaun und was dahinter liegt.

Was dabei aus dem Blickfeld gerät: der eigene Garten.

Und der Garten ist nicht leer. Er war die ganze Zeit da. Er hat gewartet, während du mit dem Zaun beschäftigt warst.

Da ist die Zeit, die du jetzt hast – wirklich hast, ohne Kompromisse, ohne Rücksicht nehmen zu müssen. Da sind die Dinge, die du immer machen wolltest und irgendwie nie gemacht hast. Die Freunde, die du vernachlässigt hast. Die Version von dir, die in einer langen Beziehung manchmal ein bisschen in den Hintergrund getreten ist.

Da ist das Leben, das nicht aufgehört hat zu existieren, nur weil eine Beziehung geendet hat.

Über eine Ex hinwegkommen bedeutet nicht, den Zaun zu vergessen. Es bedeutet, irgendwann zu merken, dass man schon eine Weile nicht mehr hingeschaut hat – weil der eigene Garten interessanter geworden ist.


Was ich vom Welpen gelernt habe

Er versucht es übrigens immer noch. Fast jeden Morgen, wenn ich auf dem Balkon sitze.

Aber ich habe bemerkt: Er springt kürzer. Er dreht sich schneller um. Er hat angefangen, seinen eigenen Garten zu erkunden – die Ecke hinten links, wo es nach irgendetwas riecht, das ihn fasziniert. Den alten Baum in der Mitte, um den er manchmal einfach im Kreis läuft, ohne besonderen Grund. Den Postboten, der am Tor klingelt und ihm fünf Sekunden Aufmerksamkeit schenkt, die wertvoller sind als der ganze Zaun.

Er hat den Zaun nicht vergessen. Aber er hat aufgehört, nur den Zaun zu sehen.

Ich trank meinen Kaffee aus. Die Sonne hatte sich inzwischen entschieden – sie machte heute mit.

Und ich dachte: Vielleicht sollte ich auch mal wieder über den Zaun blicken. Nicht auf die andere Seite. Sondern auf meine.

Mal schauen, was mich da erwartet.