Es gibt Wochen, in denen das Leben entscheidet, gleich mehrere Baustellen auf einmal aufzumachen.
Diese war so eine.
Montag: Schluss. Dienstag: Rauchstopp-Entschluss. Mittwoch: die Erkenntnis, dass beides eine ausgesprochen bescheuerte Idee zur selben Zeit ist. Und trotzdem irgendwie die einzig logische.
Ich saß am Küchentisch, Kaffee in der Hand, und griff automatisch nach der Schachtel.
Die war nicht mehr da.
Und sie auch nicht.
Und ich konnte nicht umhin, mich zu fragen: Wie unterschiedlich sind diese beiden Entzüge eigentlich – und warum fühlen sie sich so verdächtig ähnlich an?
Zwei Entzüge. Ein Kerl. Kein Plan.
Nikotin ist eine Droge. Das weiß man. Es steht auf der Packung, zwischen dem Totenkopf und der Lunge die aussieht wie ein alter Schwamm.
Und trotzdem greift man jeden Morgen danach. Reflexartig. Gedankenlos. Als wäre es das Natürlichste der Welt.
Und die Ex funktioniert genauso. Jaja, es gab tolle Momente. Jaja, sie fehlt. Oder irgendetwas an ihr fehlt. Oder irgendetwas, das sie verkörpert hat. Man ist sich da selbst nicht immer ganz sicher, wenn man ehrlich ist. Aber der Griff zum Handy kommt trotzdem. Liest alte Nachrichten. Schaut auf ihr Profil. Reflexartig. Gedankenlos. Als wäre es das Natürlichste der Welt.
Der Körper will, was er kennt. Der Kopf liefert die Ausreden dazu. Und man selbst steht dazwischen und denkt: Eigentlich wollte ich das doch anders machen.
Der Geruch, den keiner erwähnt
Hier ist eine Wahrheit, die man einem rauchenden, frisch getrennten Mann vielleicht früher hätte sagen sollen:
Beides riecht man an sich selbst nie.
Der Zigarettenrauch klebt an der Jacke, an den Haaren, an den Fingern. Alle anderen merken es sofort. Man selbst hat sich so daran gewöhnt, dass es zum Hintergrundrauschen geworden ist.
Selbstmitleid nach einer Trennung funktioniert genauso.
Es zieht durch jeden Raum den man betritt. Es hängt an jedem Gespräch, an jeder Antwort, an jedem müden Blick in den Spiegel am Morgen. Alle anderen merken es. Man selbst denkt: Ich bin doch eigentlich ganz okay.
Keiner findet es sexy. Den Rauch nicht. Das Selbstmitleid nicht.
Und irgendwann, wenn man ehrlich ist, man selbst auch nicht mehr.
Die Trigger, die einen erwischen
Das Heimtückische an beiden Entzügen sind die Trigger.
Sie lauern überall. Man denkt, man hat die Situation im Griff, und dann kommt irgendwas um die Ecke, das man nicht kommen gesehen hat.
Der Morgenkaffee. Eigentlich nur ein Getränk. Aber irgendwann hat sich da eine Verbindung eingebrannt, die enger ist als manche Freundschaften. Kaffee bedeutete Zigarette. Zigarette bedeutete der ruhige Moment, bevor der Tag anfing. Der ruhige Moment bedeutete oft sie, die irgendwo im Hintergrund war.
Jetzt ist der Kaffee noch da. Die anderen beiden nicht mehr. Er schmeckt irgendwie unfertig.
Die Autofahrt. Fenster runter, Musik an, Feuerzeug in der Hand. Eine Choreografie, die man so oft wiederholt hat, dass der Körper sie ohne Nachdenken ausführt. Und auf dem Beifahrersitz, zumindest in der Erinnerung, saß meistens jemand.
Jetzt sitzt da niemand. Und das Feuerzeug liegt im Handschuhfach und wartet.
Nach dem Essen. Der Klassiker. Als hätte das Gehirn eine feste Abfolge programmiert: Essen, Entspannung, Zigarette, fertig. Irgendwann war sie Teil dieser Abfolge. Das Ende des Abends, das Runterkommen, das Ritual.
Rituale ohne die Person, für die man sie irgendwann mitentwickelt hat, fühlen sich merkwürdig unvollständig an.
Nach dem Sex. Ja, dieser Trigger auch. Der klassischste aller Kinoklischees. Zwei Menschen, eine Zigarette, die Decke, die Stille, die sich gut anfühlt.
Aber da sich das mit dem Sex vorerst erledigt hat: dieser Trigger fällt weg. Wow – ein Licht am Ende des Tunnels. Man nimmt, was man kriegt.
Was man wirklich geglaubt hat zu brauchen
Das ist der Kern von beidem.
Man hat geglaubt, die Zigarette zu brauchen. Um runterzukommen. Um den Tag zu starten. Um irgendeinen Übergang zu markieren zwischen dem, was gerade war, und dem, was als nächstes kommt.
Man hat geglaubt, sie zu brauchen. Um nicht allein zu sein. Um jemanden zu haben. Um das Gefühl zu haben, das eigene Leben teilt sich mit jemandem.
Beide Male: ein Gefühl, das man für eine Notwendigkeit gehalten hat.
Beide Male: etwas, das die Probleme mitverursacht hat, die es angeblich gelöst hat. Die Unruhe, die die Zigarette beruhigt, erzeugt die Zigarette selbst. Die Leere, die die Beziehung gefüllt hat, hat die Beziehung teilweise erst geschaffen.
Das ist das Paradox des Entzugs. Man vermisst etwas, das einem nicht gut getan hat. Man sehnt sich nach etwas zurück, das man eigentlich loswerden wollte. Man greift nach der Schachtel, legt sie wieder hin, greift nach dem Handy, legt es wieder hin.
Und sitzt da. Mit dem Kaffee. Allein. Und irgendwie klarer als vorher.
Der erste Morgen ohne beides
Er ist unangenehm. Das soll er auch sein.
Kein Griff zur Schachtel. Kein Griff zum Handy. Kein automatisches Ritual, das die ersten Minuten des Tages strukturiert und einem das Denken erspart.
Nur der Kaffee. Nur die Stille. Nur man selbst.
Die Stille nach einer Trennung und einem Rauchstopp hat eine bestimmte Qualität. Sie ist laut auf eine Art, die man schwer beschreiben kann. Alle Gewohnheiten die man hatte, alle kleinen Handgriffe und Reflexe und Automatismen zeigen jetzt ihr wahres Gesicht: Sie waren Platzhalter. Für Nähe. Für Beruhigung. Für das Gefühl, irgendetwas zu tun.
Ohne sie ist man erst mal nur da.
Das ist unbequem.
Und irgendwie, wenn man lange genug sitzen bleibt, auch das Sauberste, was man seit Langem gespürt hat.
Irgendwann zählt man die Tage nicht mehr.
Nicht weil man vergessen hat, wann es angefangen hat. Sondern weil man aufgehört hat, es zu brauchen.
Den Zug an der Zigarette nicht mehr. Das Gefühl zu brauchen, dass sie da ist, auch nicht mehr.
Der Kaffee schmeckt inzwischen wieder vollständig.
Und die Stille auf dem Beifahrersitz fühlt sich weniger nach Abwesenheit an. Mehr nach Platz.